9. Ein später Brief an Ernst Schmidt
| Dieser Brief gehört auch zu den umfangreichen Papieren, die ich im Wäscheschrank meiner Mutter gefunden habe. Es ist ein Schreiben aus dem Jahr 1946, abgeschickt aus dem oberbayerischen Dorf Dunsern. Die Schreiberin weiß offenbar nicht, dass Ernst zu diesem Zeitpunkt seit mehr als einem Jahr verschollen ist. „Sehr geehrter Herr Schmidt, Seit unserem letzten Zusammentreffen in Kr. hat sich vieles geändert, und ich hoffe, dass Sie und Ihre Familie den Zusammenbruch gut überstanden haben. Da mir Ihre Einstellung und Anschauung gut bekannt ist, hoffe ich, dass Sie sich jetzt einen passenden Wirkungskreis erworben haben. Ich wende mich heute an Sie, da ich annehme, dass Sie über die jetzigen Geschäftsverhältnisse in Berlin gut orientiert sind. Auch eine Nachricht über Herrn Dittberner bzw. seine jetzige Adresse würde mich sehr interessieren. Ich lebe z. Zt. in Ober-Bayern, fernab allen Weltgeschehens. Das eine Plus ist nur die Verpflegung. Einer Antwort Ihrerseits sehe ich mit Ungeduld entgegen und zeichne Hochachtungsvoll Marion von Zborowski Wer ist Marion von Zborowski ? Auf jeden Fall eine Frau, die Ernst gut kannte, die aber nach Kriegsende keinen Kontakt mehr zu ihm hatte und daher 1946, zum Zeitpunkt des Schreibens, über Ernsts Lebenslage nicht auf dem aktuellen Stand war. Für mich ist der Brief dennoch wichtig. Sie schreibt, sie kenne seine Anschauung aus der Zeit in Kr. Da liegt es für mich ganz nahe, dass sich hinter Kr. Ernsts Aufenthalt in Krosno im Generalgouvernement verbirgt. Ernsts Tätigkeit in dieser Zeit in der Gestapo-Zentrale von Krosno liefert zusätzlich einen deutlichen Hinweis, was mit Anschauung gemeint sein könnte. Wieder wundere ich mich, warum meine Mutter, die immer Ernst Schmidt als einen herzensguten, hitler-kritischen Menschen dargestellt hat, diesen Brief – offenbar extra für mich – aufbewahrte. Natürlich trägt dieses Schreiben dazu bei, den angeblich so guten Ernst in Frage zu stellen. Ich habe ich viel Energie aufgewandt, um zu klären, wer Marion von Zborowski war. In Dunsern habe ich erfahren, dass in den Nachkriegsmonaten und später viele Heimkehrer aus Russland und Polen in die bayerischen ländlichen Gegenden verteilt wurden. Dies geschah, weil sie dort auf den Feldern arbeiten und ernährt werden konnten. Aber eine konkrete Spur zu ihr habe ich nicht gefunden. Von Zborowski ist ein polnisches Adelsgeschlecht. Es gibt nicht viele Nachkommen, dafür aber einen sehr berühmten. Helmut von Zborowski hat mit Wernher von Braun zusammen Raketen gebaut, auch die V1 und die erhoffte Wunderwaffe V2. Helmut von Zborowski gehörte eigentlich zur oberen Etage von BMW in München, war für die Entwicklung freigestellt, musste nach Kriegsende für wenige Jahre ins französische Exil und kehrte in den Fünfziger Jahren nach München zurück. 1968 ist er in der Schweiz gestorben. Seine Frau aber zog wieder nach Frankreich zurück, in die Nähe der Pyrenäen. Ich habe sie im französischen Telefonbuch unter der naheliegenden Namensabänderung de Zborowski gefunden. Ich habe angerufen und sie hat nach dem Mittagsschlaf zurückgerufen. Hochbetagt und blitzgescheit. Mit einem bewundernswerten Langzeitgedächtnis. Ja, in ihrer BMW-Zeit sei ihr ein weibliches Mitglied des Zborowski- Adels begegnet, das Marion geheißen haben könnte. Sie sei sich nicht ganz sicher. Auf jeden Fall sei die Frau katholisch gewesen. Das wiederum wisse sie noch. Die Dinge seien differenziert zu betrachten. Der Adel habe einen jüdischen und einen katholischen Zweig. In Polen sei vor allem der katholische Zweig vertreten gewesen, der nach Kriegsende nach Wien geflüchtet sei. Da die Stadt aber all die vielen Geflüchteten nicht mehr habe satt bekommen können, habe man viele nach Bayern aufs Land gebracht. Deswegen sei es sehr gut möglich, dass Marion von Zborowski in den Nachkriegswirren in Oberbayern gelandet sei. Für mich war das Gespräch interessant, auch weil die alte Dame als Zeitzeugin der V2-Raketenentwicklung sprach. Eine echte Spur indes, der Person Ernst Schmidt näher zu kommen, lieferte sie nicht. |
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