8. Auch die Geschichte des Tänzers führt nach Krosno

Eigentlich ist es die Geschichte des jüdischen Tänzers Sylvin 
Rubinstein. Ihm gelingt es, 1941 dem Warschauer Ghetto zu
entkommen und mit Hilfe falscher Papiere im südpolnischen
Krosno zu überleben. Ausgerechnet ein deutscher
Wehrmachtsoffizier versteckt ihn für ein paar Monate in seinem 
Haus. Das junge Hausmädchen Stefania sorgt für sein Essen. 
Die Papiere lauten auf den Namen Tulski. Der Offizier schickt 
ihn 1942 als Zwangsarbeiter nach Berlin.

Nach Kriegsende bleibt Tulski in Deutschland. Er lebt in Berlin 
und Hamburg, arbeitet als Tänzer und steht unter anderem 
auch als Dolores in Frauenkleidern auf der Bühne. Der Autor 
Kuno Kruse trifft ihn mehr als ein halbes Jahrhundert später in 
St. Pauli, und Tulski erzählt sein Leben.

Gemeinsam fahren beide noch einmal nach Krosno, um das
Haus seiner Zuflucht zu besuchen. Sie klingeln und Stefania, 
das damalige Hausmädchen, öffnet mit den rührenden Worten: 
„Tulski, 60 Jahre haben wir auf Dich gewartet.“

Aus der Lebensgeschichte des Tänzers ist ein Buch 
entstanden. Ich habe es gelesen, und ich habe Stefania, die 
die ganzen Kriegswirren, die Besetzung und die Befreiung  
miterlebt hat, während meines Krosno-Aufenthalts besucht. In 
der Stadt, in der sich zeitgleich Tulski und Ernst Schmidt 
aufgehalten haben.

Die Lage des Hauses, im Buch gut beschrieben, machte die
Suche leicht. Stefania war begeistert, dass ein Deutscher 
vorbeikam, der vielleicht etwas über Tulski berichten konnte.

Konnte ich aber nicht. Und sie kannte Ernst Schmidt nicht.
Aber sie kannte zwei Standorte der Gestapo. Einer war 
heute eine Schule, etwas westlich von Krosno auf dem Weg
nach Jaslo. Der andere lag hinter dem alten 
Kasernengelände im Süden der Stadt.

Unsere Unterhaltung war ein Radebrechen in vielen 
Sprachen. Sie holte Fotoalben, zeigte mir Bilder von Tulski,
und es war völlig klar, wo ihr Interesse in diesem Gespräch
lag.

Die Begegnung war voller Herzlichkeit, und auch ohne 
konkretes Ergebnis – wieder einmal – war es ein Erlebnis
für mich.

Ich fuhr zur Schule und sah ein paar immer noch stehende 
Baracken am Rande des Schulhofs. An der Wand neben
der Eingangstür hing ein Lageplan des Gestapo-
Geländes, der an die Vergangenheit des heutigen
Schulgrundstücks erinnerte.

An der Kaserne, dem zweiten Standort, deutete zunächst 
gar nichts auf eine Nutzung des Areals durch die 
deutschen Besatzer hin. Aber hinter dem Gebäude, von
Unkraut überdeckt, fand ich verrostete Rhönräder.

Rhönräder waren Mitte der Zwanziger Jahre in
Deutschland erfunden worden und hatten einen wahren
Siegeszug durch Europa angetreten. Doch mit 
wachsender Abneigung gegen Hitler-Deutschland sank
auch das internationale Interesse am Rhönradturnen.

Jetzt stand ich mitten in einem Haufen verrotteter 
Eisenräder, hatte hier in Krosno meinen deutschen 
Bezug gefunden und musste wieder an Tulski denken.

Für sein Leiden und sein Verstecken waren Menschen
wie Ernst Schmidt verantwortlich, die hier auf brutale
Art und Weise Juden verfolgt und Polen ausgebeutet
hatten. Die Rhönräder wirkten wie Zeitzeugen dieser
Epoche, in der Ernst Schmidt, in seinem „Zimmer nach
dem Hofe“ in der Gestapo-Zentrale in Krosno und Nowy 
Targ wohl kaum ein „lieber Herr Schmidt“ gewesen
sein konnte.

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