7. Wie Partnerschaftsstädte auf die Spur halfen
| Zu den Fundstücken zwischen den Bettbezügen gehörte auch ein Album mit teilweise zerstückelten Fotos aus der Zeit, die Ernst im polnischen Generalgouvernement verbracht hatte, also in Krosno und in Nowy Targ. Vor allem Personen waren aus den Bildern herausgeschnitten, die offenbar von der Nachwelt, also auch von mir, nicht erkannt werden sollten. Eine Gebäudeansicht war bei dieser Zensur durchgerutscht. Das Haus wirkte auf dem Foto fast belanglos, aber, obwohl mit Klebstoff befestigt, ließ sich das Bild aus dem Album so ablösen, dass die Rückseite immer noch lesbar war. Und da stand der von Ernst selbst geschriebene Satz: „Unser Verwaltungsgebäude. Mein Zimmer ist nach dem Hofe gelegen.“ Wie gut, dass es deutsch-polnische Städtepartnerschaften gibt, auch mit Krosno und Nowy Targ ! Um herauszubekommen, was in diesem Gebäude verwaltet wurde, habe ich die Partnerschaftsbüros in Radevormwald und in Marl angeschrieben, beides Städte in Nordrhein-Westfalen. Diese wiederum haben das Foto an ihre Kontaktpersonen in Polen weitergeleitet. Und dann kam die Antwort. Aus Nowy Targ. Es war das Verwaltungsgebäudeder Gestapo und ist heute das Rathaus der Stadt. Ernst war vom Propagandaministerium in Berlin direkt nach Krosno und Nowy Targ gewechselt, und zwar von 1942 bis 1944, exakt in der Zeit des Krakauer und des Krosnoer Ghettos. Der Gedanke, dass es einen Zusammenhang gab, hatte schon vor derGewissheit existiert. Aber die Nachricht aus Nowy Targ bestätigtenun endgültig, dass Ernst in Diensten der Nationalsozialistengestanden hatte. Die Auskunftsquelle des deutschen Partnerschaftsbüros war eineArt Bürgerinitiative in Krosno. Junge Studenten, die über dieGeschehnisse in ihrer Stadt während des Kriegs forschten. Ichhabe Kontakt zu ihnen aufgenommen und bin in der Hoffnung nachKrosno gefahren, noch mehr, möglichst auch über Ernst Schmidt,zu erfahren. Es war ein interessantes Treffen. Die polnischen Studenten sind mit mir zum alten jüdischen Friedhof von Krosno gefahren und haben mir anhand von Fotos gezeigt, wie die Deutschen die Grabstätten verwüstet und zerstört hatten. In einem Projekt der Hochschule haben sie alle Grabsteine restauriert und Angehörigein der ganzen Welt gesucht. Eine Amerikanerin sei extra aus den USA angereist, um die Ruhestätte ihres Verwandten zu besuchen.Ein großer Moment für die jungen Polen ! Sie haben mir das damalige Krosnoer Ghetto gezeigt, auch den Ort, an dem sich das Deutsche Haus befand, Geschichten, die die Menschen bis heute über diesen Aufenthaltsort von Gestapo- Mitgliedern weitererzählt haben, Geschichten, die ohne konkrete Namen doch auch Ernst Schmidt betrafen. Ja, vielleicht sogar Idaund Inge, meine Mutter. Es war eine beeindruckende Begegnung für mich. Wie so oft gab es keine klare Spur, aber das Bild formte sich. Die Reise nach Polen war wichtig. |
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