4. Eine Sicherheitsurkunde für Dobrinka
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten war Ida und Ernst die
Gewissheit, dass Dobrinka ein deutscher Name sei, offenbar nicht sicher
genug. 1934, also nach einem Jahr Reichskanzlerschaft Hitlers,
beantragten sie für Dobrinka die Anerkennung ihrer Reichsangehörigkeit.
Das war de facto ein Arisierungsnachweis. Die Urkunde hatte folgenden
Wortlaut:
„Staatsangehörigkeitsausweis (zur Benutzung im Inland)
Die Dobrinka Schmidt, geboren am 15. März 1924 in Belgrad
(Jugoslawien) besitzt die Reichsangehörigkeit.
Berlin, den 12. Mai 1934
Der Polizeipräsident
Im Auftrage
Goebbels
Gebühren auf 0,50 Reichsmark ermäßigt“
Dobrinka ist kein ursprünglich serbischer (jugoslawischer) Name, aber
er ist auch kein deutscher. Eine der ersten deutschen Wolga-
Siedlungen im heutigen Russland trug den Namen Dobrinka. Also gibt
es zumindest in dieser Hinsicht einen Bezug zum Deutschen. Übrigens
der russische Dichter Maxim Gorki war Ende des 19.Jahrhunderts zwei
Jahre lang Nachtwächter am Bahnhof von Dobrinka.
Dennoch hat meine Mutter seit den Dreißiger Jahren den Vornamen
Dobrinka nicht mehr als Hauptnamen getragen. Ida hat, und das wird
ja auch im Roman deutlich, ihrer Tochter den Wunschnamen Ingeborg
dazugestellt. Daraus wurde die Kurzform Inge, und im Laufe der Zeit
verschwand der Geburtsname Dobrinka nahezu vollständig.
Die übliche Bearbeitungsgebühr für die Reichsangehörigkeitsurkunde
wurde auf 50 Pfennig reduziert, die Unterschrift im Auftrag des Berliner
Polizeipräsidenten lautete auf den Namen Goebbels. Mich haben diese
beiden Inhalte der Urkunde für einen Augenblick ins Nachdenken
gebracht.
Wenn es sich bei dem Goebbels, der unterschrieben hatte, um
Joseph Goebbels handelte, dann stellte sich die Frage, ob Ernst
eventuell engere Kontakte zu den Nationalsozialisten besaß, als die
Dokumente, die ich gefunden hatte, bisher offenbart hatten.
Aber, wie so oft, es hilft die Recherche. Die Goebbels-Unterschrift auf
Dobrinkas Urkunde ist deutlich erkennbar eine andere als die des
Joseph Goebbels, dessen Signatur unter vielen Dokumenten steht.
Und obwohl auch die beiden Goebbels-Brüder Hans und Konrad
NSDAP-Mitglieder waren, ist es ausgeschlossen, dass sie Urheber
der Unterschrift sind.
Also nicht mehr als eine zufällige Namensgleichheit !
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