3. Inges Freundin erinnert sich an Ernst Schmidt
Sie gehörte in der Nachkriegszeit zu den wichtigen Persönlichkeiten der
Berliner Modeszene. Aber in den frühen Dreißiger Jahren war sie erst
einmal eine sehr gute Freundin meiner Mutter.
Johanna Schmielinski war häufig in der Wohnung meiner Mutter zu
Besuch. Ein eigenes Zimmer hatte Inge nicht, aber Ida ließ die beiden
Schulmädchen im Wohnzimmer gewähren. Ernst war selten am
Nachmittag daheim.
Und dann Mitte der Dreißiger, Inge und Johanna waren etwa zehn, elf
Jahre alt, da kam Johanna von einem Tag zum anderen nicht mehr. Der
Grund war nicht, dass sich die Kinder etwa gezankt hätten. Nein, meine
Mutter hat mir eine andere Geschichte erzählt.
„Johanna verkehrte jetzt in besseren Kreisen, wir waren nicht mehr gut
genug.“
Mehr als 70 Jahre danach habe ich Johanna in Berlin wiedergefunden.
Immer noch in Modezirkeln hoch geschätzt und anerkannt. Immer noch
mit einem brillanten Gedächtnis an die damalige Zeit, voller Interesse
an meiner Mutter.
Ich habe sie gefragt, warum sie so abrupt nicht mehr zu Besuch kam
und ob es tatsächlich Standesgründe gab. Ihre Antwort war
überraschend.
„Ich will nicht abstreiten“, sagte die alte Dame, „dass das Einschränken
unseres Kontakts von mir ausging. Aber das hatte auch einen echten
Grund. Ich fühlte mich in Inges Wohnung unwohl, eingeschüchtert, ja
bedrängt, ich war dem nicht gewachsen. Inges Vater hatte einen Blick
auf mich geworfen. Das war nicht normal. Ich dachte, er will etwas von
mir. Ich kann heute nur beschreiben, was ich damals als Elfjährige
empfunden habe. Es gab zwar nie einen Übergriff, aber irgendwann
bin ich regelrecht geflüchtet. Ich erinnere noch, wie ich durch diese
Zimmertür durch bin. Die hatte eine Milchglasscheibe, auf der stand
„Detektivbüro“. Das war sein Arbeitszimmer.“
Johanna Schmielinski hat das Ereignis nicht als großes Drama
dargestellt. Im Kern wollte sie deutlich machen, dass de facto ja nichts
passiert sei. Und doch, für mich waren die vielen Details aus der
Wohnung, die sie erinnerte, und die Zurückhaltung bei der
Beschreibung der Ereignisse sehr überzeugend.
Ich habe mir nach dem Gespräch viele Gedanken gemacht, und ich
glaube, dass man die von Johanna empfundene Neigung bei Ernst
zumindest nicht völlig ausschließen kann. Vielleicht hatte er
tatsächlich eine pädophile Veranlagung. Vielleicht liegt hier auch die
Ursache, warum meine Mutter mir gegenüber stets so übertrieben
positiv über den großartigen Menschen Ernst Schmidt berichtet hat,
obwohl sie doch auch von den dunklen Seiten ihres Stiefvaters
wissen musste.
Johanna Schmielinski war häufig in der Wohnung meiner Mutter zu
Besuch. Ein eigenes Zimmer hatte Inge nicht, aber Ida ließ die beiden
Schulmädchen im Wohnzimmer gewähren. Ernst war selten am
Nachmittag daheim.
Und dann Mitte der Dreißiger, Inge und Johanna waren etwa zehn, elf
Jahre alt, da kam Johanna von einem Tag zum anderen nicht mehr. Der
Grund war nicht, dass sich die Kinder etwa gezankt hätten. Nein, meine
Mutter hat mir eine andere Geschichte erzählt.
„Johanna verkehrte jetzt in besseren Kreisen, wir waren nicht mehr gut
genug.“
Mehr als 70 Jahre danach habe ich Johanna in Berlin wiedergefunden.
Immer noch in Modezirkeln hoch geschätzt und anerkannt. Immer noch
mit einem brillanten Gedächtnis an die damalige Zeit, voller Interesse
an meiner Mutter.
Ich habe sie gefragt, warum sie so abrupt nicht mehr zu Besuch kam
und ob es tatsächlich Standesgründe gab. Ihre Antwort war
überraschend.
„Ich will nicht abstreiten“, sagte die alte Dame, „dass das Einschränken
unseres Kontakts von mir ausging. Aber das hatte auch einen echten
Grund. Ich fühlte mich in Inges Wohnung unwohl, eingeschüchtert, ja
bedrängt, ich war dem nicht gewachsen. Inges Vater hatte einen Blick
auf mich geworfen. Das war nicht normal. Ich dachte, er will etwas von
mir. Ich kann heute nur beschreiben, was ich damals als Elfjährige
empfunden habe. Es gab zwar nie einen Übergriff, aber irgendwann
bin ich regelrecht geflüchtet. Ich erinnere noch, wie ich durch diese
Zimmertür durch bin. Die hatte eine Milchglasscheibe, auf der stand
„Detektivbüro“. Das war sein Arbeitszimmer.“
Johanna Schmielinski hat das Ereignis nicht als großes Drama
dargestellt. Im Kern wollte sie deutlich machen, dass de facto ja nichts
passiert sei. Und doch, für mich waren die vielen Details aus der
Wohnung, die sie erinnerte, und die Zurückhaltung bei der
Beschreibung der Ereignisse sehr überzeugend.
Ich habe mir nach dem Gespräch viele Gedanken gemacht, und ich
glaube, dass man die von Johanna empfundene Neigung bei Ernst
zumindest nicht völlig ausschließen kann. Vielleicht hatte er
tatsächlich eine pädophile Veranlagung. Vielleicht liegt hier auch die
Ursache, warum meine Mutter mir gegenüber stets so übertrieben
positiv über den großartigen Menschen Ernst Schmidt berichtet hat,
obwohl sie doch auch von den dunklen Seiten ihres Stiefvaters
wissen musste.
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