1. Ein anderes Leben – zwischen Bettlaken versteckt (Prolog)
Dokumente, Briefe, Bilder, Unterlagen – meine Mutter Inge hatte
zwischen den gebügelten Bettlaken im Schlafzimmer alles so
hingelegt, dass ich es nach ihrem Tod finden musste. Und sie wollte,
dass ich es finde. Es waren Papiere, die ein ganz anderes Leben
beschrieben als das, das ich aus ihren Erzählungen kannte.
Sie war dem ersten Mann ihrer Mutter Ida, der nicht ihr Vater war, nie
begegnet. Trotzdem hatte sie mir ihren Geburtsnamen verschwiegen,
und nicht nur das, sie hatte mir diesen Geburtsnamen als Vornamen
gegeben. Warum ? Ich wusste es nicht.
Belgrad stand als Geburtsort in ihrem Ausweis. Ein Tippfehler sagte
sie immer, es müsse Belgard heißen, ein kleines Städtchen in
Westpolen. Die Unterlagen zeigten, sie war doch in Belgrad geboren,
aber ihre Mutter in Belgard. Ein skuriler Zufall, der die Lüge über den
Geburtsort erleichterte. Aber warum dieses Märchen ? Ich wusste es
nicht.
Der Stiefvater Ernst Schmidt, den sie mir stets als liebevollen,
umsorgenden, ironischen, regimekritischen Vater ausgegeben hatte
und dessen Namen sie seit ihrem sechzehnten Lebensjahr trug, war
nicht der leibliche Vater. Er war auch nicht regimekritisch, sondern
mehrere Jahre bei der Gestapo im polnischen Generalgouvernement.
Inge und Ida sind mehrfach dorthin gereist.
Mir gegenüber nie erwähnt wurde die Stiefschwester Lisa. Etwa
genauso alt wie meine Mutter. Sie lebte in demselben polnischen
Städtchen, in dem Ernst Schmidt seinen Gestapo-Dienst verrichtete
und Ida und Inge ihn besuchten. Naheliegendes Schweigen über die
Gestapo-Zugehörigkeit, aber unverständliches Schweigen über die
Existenz der Stiefschwester !
Wenn Ernst Schmidt nicht der leibliche Vater meiner Mutter war und
auch nicht der erste Mann meiner Großmutter der Vater war, wer war
es dann ? In den versteckten Unterlagen habe ich die Geburtsurkunde
meiner Mutter Inge gefunden. Unterschrieben 1924 von einem
Legationssekretär in der deutschen Botschaft in Belgrad. Ein Vater
wird nicht erwähnt. Das Ausstellungsdatum der Geburtsurkunde liegt
drei Monate nach der Geburt. Ungewöhnlich !
Mein erster Gedanke war, dass ich einer Familie entstamme, die
ihre nationalsozialistische Gesinnung einfach nur verschweigen
wollte. Wie aber passt das zusammen mit dem Aufheben und dem
auffindbaren Platzieren der ganzen Dokumente ? Das Haushaltsbuch,
Briefe zwischen Ida und Ernst, Rechnungen aus Polen, die
Geburtsurkunde, die Bestätigung der Staatsbürgerschaft im
Deutschen Reich trotz des Geburtsortes Belgrad, Idas traurige
Poesiebucheintragungen, Hunderte von Fotos, auch aus Polen,
teilweise mit herausgeschnittenen Personen.
Ich habe erst gestaunt und dann nachgeforscht. Gelandet bin ich bei
Otto, einem Musterdiplomaten, dessen Karriere in den Zwanziger
Jahren begann, im Dunstkreis der Nationalsozialisten, im Umfeld der
Verschwörer gegen Hitler, im Hochadel, in der Welt der
Großindustriellen und beim großen Dichter Gerhard Hauptmann.
Die kleinbürgerliche Welt meiner Eltern hatte offensichtlich Zugang
zu den wichtigen Akteuren der Vorkriegs- und Kriegsepoche.
Entstanden ist das vielschichtige Bild einer Familie, die vielleicht nur
ein außergewöhnlicher Einzelfall ist, vielleicht aber auch für die
moralische Zerrissenheit einer ganzen Generation mit allen
dramatischen, brutalen, gewissenlosen Konsequenzen des Lebens
steht.
Der folgende Roman beruht auf vielen Fakten, die diese Recherche
ans Licht gebracht hat. Eine Recherche, in der Ernst – der
Großvater, der keiner war – zur Hauptfigur einer Familiengeschichte
wird. Er ist der „lieber Herr Schmidt“.
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