2. Warum mich das Schlösschen in Müschen elektrisierte

Otto stammte aus Adelskreisen. Und als Diplomat mit diesem 
Hintergrund pflegte er in seinem Lebensstil ebenso wie in der 
Auswahl seiner Freunde und Bekannte einen hohen Anspruch. 

Im Auswärtigen Amt in der Berliner Wilhelmstraße fand ich bei 
meiner Recherche Ottos Reiseanmeldungen und Abrechnungen aus 
seiner Zeit als Legationssekretär. Danach hatte er im April 1923 für 
eine Woche Urlaub beantragt und als Reiseziel den Ort Müschen 
nahe dem Spreewald angebeben. 

Ich bin nach Müschen gefahren. Ein kleines Dorf. Gemüseanbau. 
Keine attraktive Umgebung. Kein gehobener Standard. Das passte 
nicht zu Otto. Aber auf den zweiten Blick passte es doch. 

Ein verfallenes, schlossartiges Anwesen stand am Rande der 
Ortschaft. Der Schlüssel, um drinnen einen Blick zu riskieren, war 
in einem modernen Hotel in zehn Kilometer Entfernung deponiert. 
Der  Geschäftsführer musste mitkommen, um das Schlösschen 
aufzuschließen. 

Das Innere war überraschend. Der morbide Stuck an den Decken 
und die herunterhängenden Tapeten an den Wänden wurden für 
Modefotografien genutzt. Die geschwungene Treppe, die in den 
ersten Stock führte, die große Diele, die großen Fenster mit der 
abgeblätterten Farbe, die beiden steinernen Löwenköpfe – das 
Haus bot einiges. 

Und der Geschäftsführer wusste von dem preußischen 
Generalleutnant, der hier bis 1935 gelebt hatte, der Freunde 
beherbergte und genau den Lebensstil zelebrierte, den Otto so 
schätzte. 

Ich spürte, wie mich dieser Ort elektrisierte. Ich war aufgeregt, 
einerseits zweifelte ich, ob ich zu viel in das Gebäude 
hineininterpretierte, andererseits war ich überzeugt. 

Für mich waren sich Otto und Ida hier begegnet. Im April 1923 
will Otto laut Reiseanmeldung in Müschen gewesen sein. Im 
April 1923 ist Ida mit Inge, meiner Mutter, schwanger geworden. 
Ein Zufall ? Kein Zufall ? Ich glaube, dieser Moment hier in 
Müschen hat dem Leben von vier Menschen einen ganz neuen 
Verlauf gegeben, nämlich dem Leben von Otto, Ida, Inge und 
auch von Ernst, dem „lieben Herrn Schmidt“. 

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